01.02.2009 Wie wird man Hobbyfotograf?

Diese Frage stellte in der Fotocommunity ein hoffnungsvoller Kamera-Neubesitzer und erhielt eine Vielzahl nicht immer ganz ernst gemeinter Ratschläge, u.a. von Peter Kronenberger aus Meiningen..

Peter Kronenberger schrieb:

Das wichtigste für den Hobbyfotograph ist die Ausrüstung. Du brauchst einen vernünftigen Fotoapparat mit einem vernünftigen Objektiv. Übrigens sollte man sich gleich zu Anfang angewöhnen, zum Fotoapparat "Gehäuse" oder "body" zu sagen, und zum Objektiv "Linse" - sonst nimmt man Dich nicht für voll. Gute Sachen sind nun mal teuer, aber das billige Zeug das taugt ja alles nichts, und da macht man keinen Stich mit. Wenn unter einem Foto steht, daß es mit einer tollen Ausrüstung aufgenommen wurde, dann merkt man das automatisch auch dem Bild an. Mit einer Leica kann man nunmal keine schlechten Bilder machen, und mit einer Kodak-Knipse keine Guten. Und es gibt eine strenge Abstufung. Ganz oben schweben Hasselblad und Leica, dann kommt Nikon, dann Canon, und dann - mit ziemlichem Abstand - Sony. Das war mal Minolta, und als solches ne gute Marke, aber Sony klingt so popelig nach Autoradio. Und dahinter der ganze Müll der Kompaktkameras, auf die man mit einer 1000er Canon schon mal von oben runter gucken kann. Und das kann man zum Beispiel in der fotocommunity ganz konkret, in dem man nämlich gehässige Kommentare unter Bilder von Leuten schreibt, die eine schlechtere Ausrüstung haben. Aber Obacht ! Der gute Hobbyfotograph schreibt nicht einfach: ich find das scheisse, sondern: "Mir fehlt hier etwas die Schärfe!", oder "Mich stört hier der Mast im Vordergrund." Oder: "An Deiner Stelle hätte ich einen ganz anderen Standort gewählt." Damit zeigt man nämlich, daß man Ahnung hat. Wenn man aber Bilder sieht, die mit gleichwertiger oder noch teuerer Ausrüstung gemacht worden sind, dann muß man es andersrum machen. Dann schreibt man: "Tolles Licht !" oder "Klasse Bildausschnitt!" oder "Wow ! Wie hast Du das nur hingekriegt ? Liebe Grüße !" Wenn Du diese Anmerkungen ein paar tausend Mal geschrieben hast, wobei Dir die fotocommunity übrigens mit dem Programm "fc-Automatik SE" behilflich sein kann, dann bekommst Du "buddies". Das sind Leute, die dann auch Dir solche Anmerkungen unter Deine Bilder schreiben. Und je mehr Anmerkungen unter Deinen Bildern sind, um so mehr kommen dazu und um so mehr Leute schauen Deine Bilder an, und Du bist in und auf dem nächsten Usertreffen klopfen sie Dir alle auf die Schultern und sagen: "Du bist ein richtiger Profi!" - Dann mußt Du aber einen ausgeben, und das kann ganz schön teuer werden !

OK - aber was fotographiert man als guter Hobbyfotograph ? Es ist ganz einfach. Guck Dir die Bilder in der Galerie an, und die Bilder, die beim Frisör oder beim Zahnarzt in den Zeitschriften sind. Beim Frisör liegen auch Zeitschriften mit viel "Akt" - das gibts auch hier nur gegen Kohle, und ist dann aber Ästhetik wo man sich nicht für zu schämen braucht. Reisebüroprospekte sind auch gute Vorlagen, und Werbung für Autos und OB-Tampongs und Milka, die lila-Kuh. Das sind nämlich die wirklich guten Bilder von den Profis, und als Hobbyfotograph ist der Profi ja schließlich der Traum schlechthin: man will ja ständig noch besser werden, und vielleicht isses dann irgendwann soweit, daß man seinen öden Job an den Nagel hängen, und Profi werden kann. Wenigstens so nebenbei erstmal, so Hochzeitsbilder machen und so. Wenn man übrigens die Bilder von der Silberhochzeit von Onkel Willi und Tante Erna macht, und von denen dafür 1-2 fuffies kriegt, dann ist das schon professionell, und heißt dann "Job".

Im übrigen mußt Du immer darauf achten, nur wirklich aussergewöhnlich schöne und exotische Motive zu knipsen: wilde Tiere in freier Wildbahn in Kanada, Kenia oder im Serengeti-Park bei Bad Fallingbostel. Tolle Gebäude - Schloß Neuschwanstein und das Bundeskanzleramt und so, und natürlich auch ergreifende Sachen wie das Holocaust-Denkmal in Berlin, weil, da kann dann keiner sagen, das Bild wäre schlecht, weil er sonst Ärger mit allen kriegt, die keine Nazis sind. Dazu mußt Du auch mal ne Fotoreise machen, nach Island oder in die USA oder nach Asien, wo es wunderschöne arme Kinder gibt, die den ganzen Tag in zerlumpten Sache rumlaufen und immer so glücklich in die Kamera gucken, wenn man ihnen ein paar Dollars zusteckt. Das ist dann eine Reportasche. Aber immer dran denken: es muß aussergewöhnlich sein und schön sein - sonst lohnt es sich erst garnicht, die Knipse auszupacken. Und immer an jeder Aufnahme so sorgfältig arbeiten, als wäre es das letzte, was Du auf Erden tun kannst! Weil: ohne Fleiß, kein Preis !

Ausserdem gibt es da so ein paar Regeln. Bilder müssen immer gestochen scharf sein und es darf kein Rauschen geben. Rauschen ist, wenn es so komisch griesig aussieht, weil man die ISOs zu weit hochgedreht hat, und rauschen ist immer Scheisse und ein Fehler. Genauso, wenn ein Bild unscharf ist. Es muß auch immer am goldenen Schnitt orientiert sein und darf nicht kippen. Diese und noch so ein paar Regeln stehen in jedem Anleitungsbuch, meistens auch schon in der Bedienungsanleitung von Deiner Knipse. Man erkennt sie daran, daß es heißt "es empfiehlt sich", oder "es wirkt harmonisch, wenn" oder "es hat sich bewährt", oder "es gilt als harmonisch" - aber Achtung ! Die Autoren der Anleitungsbücher sind höflich und tolerant, und schreiben deswegen, daß es nur Ratschläge oder Tips wären. Das ist aber falsch ! Diese Regeln sind Gesetze, die niemals verletzt werden dürfen, wenn das Bild was taugen soll ! Am besten ist, Du lernst sie auswendig, oder schreibst sie Dir in ein kleines Heft, wie man sie frührer auf der Schule für Vokabeln genommen hat. Dann kannst Du immer nachschlagen, wenn Du am Knipsen bist. Übrigens: sag nie Knipsen, sondern Fotographieren (mit "ph", das ist wichtig !) oder am besten sag: "shooting". Shooting heißt Knipserei, aber hört sich total cool an, und das ist auch ganz wichtig, daß man total cool ist bei der Sache. Wenn Du nicht total cool bist, verwackelst Du nämlich. Diese Regeln müssen aber wirklich unbedingt eingehalten werden, man kanns nicht oft genug sagen, weil nämlich sonst einer kommt, und sagt, daß ihn hier was stört und da was fehlt und er an Deiner Stelle ..., na, Du weißt schon !

Ausserdem brauchst Du noch photoshop - das ist ein ganz wichtiges Programm, mit dem man Sachen, die im Bild stören, einfach wegstempeln kann: Leberflecken auf der Haut, Menschen vom Holocaust-Denkmal und die Staubflecken vom Sensor. Ausserdem ist photoshop richtig gut, weil es in der Vollversion einen flotten Tausender kosten, und was tausend Euro kostet, kann nicht schlecht sein. Du weißt ja: das billige Zeug taugt ja nix !

Dann mußt Du üben, weil es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen, und gleichzeitig daran arbeiten, daß Deine Buddie-Liste immer länger wird, und wenn an Deinen Bildern dann nichts mehr stört und nichts mehr fehlt und keiner an Deiner Stelle etwas anders gemacht hätte, und sie so perfekt aussehen, wie die in der Galerie und in den Zeitschriften beim Frisör, und den Prospekten im Reisebüro, dann wird eins Deiner Bilder irgendwann mal für die Galerie vorgeschlagen, und irgendwann hast Du es geschafft, und dann ist Dein erstes Bild in der Galerie, und dann bist Du ein 100%-ig perfekter Hobbyfotograph, der sich überall sehen lassen kann.

Aber dafür brauchst Du natürlich erst mal ein paar richtige Linsen, die keinesfalls billiger sein dürfen, als 500 € / Stück und natürlich auch ein richtig professionelles Gehäuse, weil das billige Zeug taugt ja nix, also so eine Canon Mark VII D 1 pro, die man manchmal günstig schon für 4-5 große Scheine kriegen kann - aber soweit bist Du ja noch nicht.

Die Frage ist damit geklärt..

..oder? Ich habe mich jedenfalls über diesen Text so amüsiert, dass ich ihn Euch nicht vorenthalten wollte. Gleichzeitig möchte ich nicht verschweigen, dass sich mehr als ein Körnchen Wahrheit darin befindet.

Mehr von Peter Kronenberger gibts auf seiner Website EinBILDungen..

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